Leseproben

Dieter Brandl

Die Beratung (2017, 1. Preis)

Die Beratung

 

Ein Kunde wünscht ein neues Heft

im Schreibartikelfachgeschäft.

Es sollte etwas Edles sein,

ästhetisch weiß und extra fein,

nur nichts Normales - etwas Tolles -

sprich etwas wirklich Anspruchsvolles!

 

Es sei für wichtige Vermerke

(für später große Meisterwerke),

mit klugen Pointen oder Witzen

und kreativen Geistesblitzen -

zum Dingfestmachen der Erleuchtung

durch zarte Tintenstrichbefeuchtung.

 

Wird solch ein Standard nachgefragt,

ist Fachberatung angesagt!

Der Fachmann zeigt nun kompetent

sein breites Heftesortiment,

vor allem - klar -  die eleganten,

besonders edlen Varianten:

 

Zum Beispiel hier ein Heft aus Leinen,

das wär doch schick im Allgemeinen.

Und da: Papier aus Seidelbast

für noch mehr fasrigen Kontrast.

Geschöpft wird das Papier von Hand,

das sieht man schön am Büttenrand.

 

Beliebt ist auch ein Pergament

aus Lämmerhaut jetzt im Moment

und bei den besten Manuskripten

sogar Papyrus aus Ägypten.

Der wurde ohne Chlor gebleicht

sowie chemiefrei eingeweicht.

 

Vielleicht doch lieber Japanseide?

Sie sehen: eine Augenweide!

Der Einband ist aus Ziegenleder,

geschmeidig weich vom Öl der Zeder.

Den gibt's gefärbt in Grün und Blau,

In Violett und Rot und Grau.

 

Der Kunde greift nun alles an

und sagt zum Heftverkäufer dann:

"Ich danke Ihnen sehr, jedoch

ich überleg's mir lieber noch!"

Und er bestellt - in Violett -

ein solches Heft im Internet.


Werner Schwuchow

Der Schlaf (2017, 2. Preis)

Der Schlaf

 

Was könnten wir nicht alles tun,

Müssten wir nachts nicht immer ruhn.

Anstatt zu schaffen, wird gegähnt,

Und plötzlich ist man wie gelähmt.

Doch weil es abends nur geschieht

Und man im Dunkeln nichts mehr sieht,

Dann sagen wir, so soll es sein,

Wir lassen los und schlafen ein.

 

So war es tausend Jahre lang,

Man schlief nach Sonnenuntergang.

Doch Thomas Alva Edison,

Der hatte einst genug davon,

Dass sich im Werk kein Rad mehr dreht,

Nur weil die Sonne untergeht.

Ein Freudenschrei ging durch das Land,

Als er die Glühlampe erfand.

 

Was eine helle Nacht uns nimmt,

Der helle Tag nicht wiederbringt.

Die innre Uhr kann nicht verstehn,

Warum wir nachts nicht schlafen gehn.

Doch weil man Schichtarbeit gern hätte,

Erfand man auch die Schlaftablette.

Man nimmt sie ein, sagt: Gute Nacht,

Nun kommt der Schlaf, so wie gedacht.

Roland Kielmann

Sterben, erben, Spaß verderben (2015, 1. Preis)

Sterben, erben, Spaß verderben

 

Ist einer knapp, dann folgt in Bälde

die böse Gier nach neuem Gelde;

man pumpt bei Freunden und Bekannten

und gut betuchten Anverwandten.

 

Auch Willibald ist ein bekannter

und fast schon chronisch Abgebrannter

- die Oma ist im Fall der Fälle

die lukrativste Anlaufstelle.

 

Kommt Willi an, rennt Oma rasche

zu ihrer alten Einkaufstasche

und zückt aus dieser von alleine

für ihren Enkel 2, 3 Scheine.

 

Trotz schmaler Rente übt seit Jahren

die gute Oma sich im Sparen,

denn für den Fall, sie sollte sterben,

soll´n alle Kinder kräftig erben.

 

So sind die Omas, doch zum Danke

gibt´s mit den Kindern nur Gezanke,

wie Geier zieh´n die Erben leise

doch immer enger ihre Kreise.

 

So wollte sie sich für den Rücken,

der schmerzt vom Alter und vom Bücken,

erst unlängst selbst `nen Sessel schenken,

doch riet man ihr, dies zu bedenken.

 

Obwohl bis auf das Holz verschlissen

riet ohne Scham und auch Gewissen

die Erbgemeinschaft der Betrüger:

„Den alten flicken sei viel klüger“.

 

Und das durch Nichtkauf nun Ersparte,

das nahmen sie sogleich – na warte –

„zum Aufbewahren“ gern entgegen,

„damit sie´s nicht verliert“ - von wegen !

 

Auch Enkel Willibald, der lose,

steckt gern mal Scheinchen in die Hose,

sein Lebensstil ist geldverschlingend

und er braucht neues - ziemlich dringend.

 

Drum klingelt unser blanker Bube

auch heute Sturm an Omas Stube,

nach 10 x Klingeln macht er Pause,

denn Oma, scheint´s, ist nicht zuhause.

 

Doch drängt die Leere in den Taschen

nach einer Lösung, einer raschen

und wie er so vor´s Türblatt hämmert

ihm ganz spontan ein Einfall dämmert.

 

Denn draussen, in der Blumenschüssel,

hat Oma `nen Reserveschlüssel,

doch hakt der Schlüssel, der versteckte,

weil innen noch ein zweiter steckte.

 

Die Tür schwingt auf, er denkt „Von wegen !“,

wie´s scheint, ist Oma doch zugegen,

doch trotz des Lärms ( des nicht grad´ kleinen )

glänzt Oma nur durch Nichterscheinen.

 

Das Radio brüllt, kein Mensch zu sehen,

die Jacke hängt, die Schuhe stehen;

„Sie wird doch nicht ...“ der Willi zaudert,

weil´s ihm vor Leichen wahrhaft schaudert.

 

Doch plötzlich denkt er frohen Mutes,

ein Sterbefall hätt´ auch was Gutes,

denn mit dem Geld, das hier zu erben,

könnt´ allerlei man neu erwerben.

 

So tritt voll Gier der Enkelbube

trotz Gänsehaut in Omas Stube,

dort sieht er sie im Sessel liegen

umschwirrt von vielen Stubenfliegen.

 

Im Kittel-Kleid scheint sie zu dösen,

doch fängt sie an, sich aufzulösen,

denn ihr Gesicht – ihn packt das Grauen –

ist weiß und matschig – bloß nicht schauen.

 

Dem Willi scheint in solcher Lage

viel dringlicher – ganz ohne Frage –

das „Sichern der Vermögenswerte“,

die familiär man heiß begehrte.

 

Weil alte Leut´ gern Geld verstecken

wühlt Willibald in allen Ecken;

Erspartes, Kleingeld, Münzen, Scheine

gehör´n dem Finder - ihm alleine.

 

Ob Strümpfe, Bücher und auch Kissen,

es wird gefilzt und weggeschmissen,

für grad´ 2 Euro nur im Magen

wird Omas Sparschwein auch erschlagen.

 

Doch eins hat Willi nicht gefunden,

- die Einkaufs-Börse scheint verschwunden -,

als letzter Ort bleibt Omas Kittel,

- er wünscht´, es gäb´ ein and´res Mittel.

 

„Doch wenn es sein muss, dann doch rasche“

denkt er und greift zur Kitteltasche,

- ein Griff, ein Schrei und ohne Sinne

sinkt Willibald zu Boden hinne.

 

Bedeckt mit Schönheits-Quark und Watte

die sie im Ohr zum Schutze hatte,

springt Oma hoch, verscheucht die Fliegen

und spricht, als sie ihn dort sieht liegen:

„Ach Willibald, du bist ein Schlimmer“

 

- die Oma lebt, der Willi nimmer.

Reiner Koch

Bart (2015, 2. Preis)

Bart

Irgendwann, man merkt es kaum,

bildet sich der erste Flaum.

Und man muss beizeiten lernen,

diese Stoppeln zu entfernen.

 

Ist man im Gesicht behaart,

nennt man dieses einen Bart.

Will er sich nicht sorgsam legen,

muss man ihn beständig pflegen.

 

Wichsen, zupfen oder scheiteln

den partiellen Wuchs vereiteln.

Schließlich, wenn es nötig, färben,

glätten, cremen oder gerben.

 

Kämmen, bürsten oder stutzen,

brennen und auch sorgsam putzen,

kurz, man schafft sich eine Norm

und bringt Haar um Haar in Form.

 

Wirkt er, unbehandelt, ehrlich,

wächst er wild, wirkt er gefährlich.

Mancher nutzt ihn gar als Fetisch,

andern gilt er majestätisch.

 

Manchem Manne kommt er recht

als ein Hinweis aufs Geschlecht,

denn ein Damenbart ist schon

mehr als Emanzipation.

 

Um den Schnodder aufzuhalten,

zum Verbergen fieser Falten,

oder, wie ein Dichter schrieb:

 

Was vom Affen übrig blieb.

 

Arno Meiser

Stundentakt (2015, 2. Preis)

Stundentakt

Ein Frosch sich in der Sonne aalt

Und lauthals von sich selber prahlt

Was für ein hübscher Kerl er sei

Das war am Nachmittag um Zwei.

 

Er plustert auf sich, quakt ganz laut

Dass jeder zu ihm rüber schaut

Als gäbe es allein ihn nur

Da war es Glockenschlag drei Uhr.

 

Für ihn schien eines sonnenklar

Er aller Kröten Traumfrosch war

Prächtigster Freier im Revier

Der kleine Zeiger stand Punkt Vier. 

 

Der eitle Frosch plärrt in den Wind

Wie hässlich all die Andern sind

Er lästert voller Spott und Hohn

Es war um Fünf, fast Abend schon.

 

Er sei der Allerschönste doch

Quakt er um sechs Uhr immer noch

Der tollste Hecht am Mühlenteich  

Dem Hochmut folgt die Strafe gleich.

 

Schlag Sieben hörte er grad noch

Die Schritte schwer vom Mühlenkoch 

Der ihn mit einem Eimer fing

Und dann zurück zur Küche ging.

 

Acht Uhr, am Teich, sehr still es ist

Der Frosch liegt reglos auf dem Mist

Ging ohne Schenkel aus der Welt

 

Die hatte sich ein Gast bestellt.

 

Volker Henning

Betriebsweihnachtsfeier (2015, 2. Preis)

Betriebsweihnachtsfeier

Das Jahr neigt sich wieder dem Ende entgegen,

geschäftsmäßig stimmt die Bilanz.

Für neunzehn Uhr bittet der Chef die Kollegen

zur Betriebsweihnachtsfeier mit Tanz.

 

Karlheinz hat sich sofort in Schale geschmissen,

der Mann strotzt vor Kraft und Elan.

Er möchte die Feier auf keinen Fall missen, 

er ist sehr gut drauf, momentan.  

 

Zunächst hält der Chef mal um acht seine Rede

und zieht von dem Jahr Resümee.  

Karlheinz fragt sich, wann sie wohl losgeht, die Fete,  

und labt sich schon mal am Buffet.  

 

Um neun Uhr Frau Müller am Tisch lauthals meckert,

sie hat allen Grund auch dafür. 

Karlheinz hat die Gute mit Rotwein bekleckert,

sie flüchtet entnervt durch die Tür.

 

Dann singt die Belegschaft um zehn Weihnachtslieder,  

was Karlheinz komplett ignoriert. 

Im Nebenraum knutscht er Frau Meier grad nieder, 

die lang mit dem Chef schon liiert.

 

Dem Buchhalter Schmidt, dem verhassten Despoten,

hat Karlheinz nach drei Flaschen Sekt   

im Vollrausch um elf Uhr das „Du“ angeboten.

Dann hat er ihn niedergestreckt.   

 

Und wie John Travolta einst schwang seine Hüfte,

geht Karlheinz um zwölf aufs Parkett.

Dort wirbelt er rasch noch Frau Schulz durch die Lüfte.

Um eins wankt er heim, fällt ins Bett.      

 

Was soll man noch sagen, warum noch viel reden?

Der Mann ist und bleibt ein Chaot.

Erneut ist er in jeden Fettnapf getreten,

der sich ihm am Abend dort bot.

 

Als Karlheinz am Mittag mit Kopfschmerz und Kater  

erwachte aus eigener Kraft,   

da schwor er sich fest nach dem ganzen Theater:  

„Im nächsten Jahr trink ich nur Saft!“.

 

Und spätestens dann, als im Frühherbst Frau Meier

kam nieder in sternklarer Nacht,

da hatte die schnöde Betriebsweihnachtsfeier

 

dem Karlheinz doch etwas gebracht…  

 

Dieter Brandl

Die Cuvée (2013, 1. Preis)

Die Cuvée

Der Weinexperte schenkt sich Wein

Aus einem edlen Kruge ein.

Dynamisch schwenkt er nun das Glase

Und schnuppert gründlich mit der Nase.

 

Ein duftiger Aromenfluss

Nach Mandeln oder Haselnuss!

Ein zartes blumiges Bukett,

Ganz typisch für den Chardonnay!

 

Alsdann befeuchtet er die Lippen,

Beginnt gepflegt zuerst zu nippen,

Danach zu schmatzen und zu schlürfen

(Wie dies nur Önologen dürfen).

 

Der Wein erinnert – meine Güte! –

An Rosen, Veilchen, Lindenblüte!

Auch etwas Ananas: Exotik!

Der Abgang: Pure Weinerotik!

 

Dem Gaumen schmeichelt mal Vanille,

Mal Pfirsich, jedenfalls Marille,

Und auch noch – wie originell –

Ein feiner Hauch von Karamell!

 

Der Kenner sagt zum Winzer: Toll!

Der Wein ist wirklich eindrucksvoll,

Unglaublich, jede Note scheint

In diesem Wein perfekt vereint!

 

Der Winzer sagt zum ehrenwerten

Nicht aufgeklärten Weinexperten:

Wein, den man nicht beim Kosten schluckt,

Der wird in diesen Krug gespuckt.

Volker Henning

Die Buchlesung (2013, 1. Preis)

Die Buchlesung

 Frohe Mienen und Gesichter,   

 heute Abend kommt Besuch.

 Heute Abend kommt ein Dichter

 und er liest aus seinem Buch.

 

Wer Gescheites nicht mag treiben,

 weil er jede Arbeit scheut,

 der neigt gern zum Verseschreiben,

was die Menschheit hoch erfreut.

 

Tief beseelt von Glücksgefühlen

 und von Poesie berauscht,

 sitzt das Publikum auf Stühlen,

 wo es dann dem Dichter lauscht.

 

 Doch bereits nach einer Stunde,

 wo der Autor liest und spricht,

 gähnt der Saal aus vollem Munde

 nur der Dichter gähnt noch nicht.

 

 Spricht und redet unverhohlen,

schwatzt und klönt meist monoton,

 mancher sitzt auf heißen Kohlen

 oder schnarcht gar lange schon. 

 

 Endlich dann nach hundert Seiten

 hört der Dichter schließlich auf,

 greift zum Stift und geht bescheiden

 über dann zum Buchverkauf.

 

 Rasch ein Büchlein noch erworben

 und dann aber nix wie raus.

 Drinnen, wo man fast gestorben,

 tönt euphorisch noch Applaus.

 

 Nach drei qualvoll langen Stunden

 geht erschöpft man aus dem Haus,

 als der Dichter auch verschwunden

 schaltet man die Lichter aus.

 

 Staunend blicken die Verwandten

 auf das Büchlein, handsigniert.

 Was man einst im Kampf erstanden

 keine Sau mehr int`ressiert…

 

 Das Kirmeszelt

 Lederhosen, Trachtenjacken,

 ab und zu ein Bier im Nacken,

 oh, wie schön ist doch die Welt 

 heut` in einem Kirmeszelt.

 

Senfverschmierte Hemdenkragen,

schales Bier in großen Lagen,

 saure Gurken, Schinkenspeck,

 auf der Hose Bratwurstfleck.

 Männer, die an Tischen johlen

 und die ewig Nachschub holen,

 drängen sich auf Bänken dicht,

 manche über Sollgewicht.

 

 Rülpsen, röhren, grölen, grollen,

 Lärm und Leber angeschwollen

 und dazwischen frank und frei,

 permanentes „Prost !“- Geschrei.

 

 Fesche Mädchen, enge Mieder,

stundenlange Schunkellieder,

 gute Laune, Blasmusik,

 Stimmung in der Traumfabrik.

 

 Draußen trifft man sich zum Pinkeln

 hinterm Zelt in allen Winkeln,

 lässt den Dingen ihren Lauf,

 drinnen spielt die Musik auf.

 

 Nicht zuletzt die vielen bleichen

 Schnaps-, Likör- und Bierzeltleichen,

 die am Ende man zum Schluss   

 wachsam übersteigen muss.  

 

 Wer gern brüllt aus vollen Kehlen,

 dem kann ich das Zelt empfehlen.

 Wem das alles gut gefällt,

 der passt gut ins Kirmeszelt… 

 

 Die Politkarriere

 Herr Schmidt, dem für die Stadtratswahl

 nicht reichte seine Stimmenzahl,

 der stellte sich hierauf dezent

 zur Wahl fürs Kreistagsparlament,

 wo er mit Glück dort adäquat 

 gewann auch letztlich ein Mandat.

 Als unser Mann, so wie man las,

 dann später noch im Landtag saß

 und ihm hierauf im Überschwang

 der Sprung gar nach Berlin gelang,

da war mit Blick auf Ruhm und Ehre

 vollendet die Politkarriere.

 Herr Schmidt, jetzt sind wir einmal ehrlich,

 schien für die Stadt bereits entbehrlich…

 Ich glaube, es war eine schlechte.

Gerhard Seyfried

Lektorat (2007, 1. Preis)

Lektorat

Ein Autor schiebt mit frohem Sinn
Dem Lektor sein Geschreibsel hin.
Es geht darin um die Moral
In einem Alpenseitental.

Zwei Bürgermeister-Kandidaten
Sind dort in einen Streit geraten.
Der eine arm, der andre reich,
Ansonsten sind sie eher gleich.

Der eine ist der Schuldirektor,
Ein guter Mann in seinem Sektor.
Gemüsehändler ist der zweite,
Zwar brav, jedoch so gut wie pleite.

Kein schlechter Plot, freut sich der Lektor,
Erinnert mich an Zeus und Hektor!
Nur fehlt der Held in der Geschichte,
Und eine hübsche junge Nichte.

In dem Kapitel mit den Gurken
Vermisse ich den bösen Schurken,
Der des Gemüsehändlers Weib
Verführt, und seis zum Zeitvertreib!

Ich glaube, wirft der Autor ein,
Dergleichen wird nicht nötig sein.
Ein Lustmolch oder Bösewicht
Paßt zu des Händlers Gattin nicht.

Tja, sagt der Lektor, das ist schade,
Denn so bleibt die Geschichte fade.
Doch halt - er runzelt seine Stirne:
Wie wärs mit einer feilen Dirne?

Könnte nicht ein solches Luder
Des Schuldirektors armen Bruder
In unsagbares Elend stürzen
Und solcherart die Story würzen?

Nein, ruft der Autor, denn der hat ja
Schon seine heißgeliebte Nadja!
Niemals würd er sie verraten
Für einen solchen Satansbraten!

Na gut, seufzt resigniert der Lektor,
Dann bleibt als Schurke nur der Rektor:
Der Mann erliegt mit allen Sinnen
Den Reizen seiner Schülerinnen!

Nein, nein, der Autor widerspricht:
Das Pädophile liegt mir nicht.
Der Rektor ist ein braver Mann
Der Schlechtes nicht mal denken kann!

Ach ja? Und was ist mit der Tochter?
Sie schreiben hier, die unterjocht er!
Dem Autor wird die Stimme schrill:
Doch nur, weil er ihr Bestes will!

Jetzt kriegt der Lektor Oberwasser:
Der Rektor ist ein Weiberhasser!
Sein Weib ist zänkisch und gemein,
Und Zwietracht herrscht im trauten Heim!

Mag sein, es ist bei Ihnen so,
Entgegnet der Autorio,
Ich bin kein Groschenromancier,
Mir liegt das saubere Metier.

Des Lektors Stirne färbt sich bläulich:
Ein Moralist! Gott, wie abscheulich!
Ihr Text ist graue Langeweile
Und ihre Welt zum Kotzen heile!

Und Sie? Ein Lektor wolln Sie sein,
Fängt der Autor an zu schrein,
Ich sage Ihnen, was Sie sind:
Ein blödes Lektoraten-Rind!

Er geht dem Lektor an den Kragen
Der tritt ihn dafür in den Magen,
Und schon sind beide, eins, zwei, drei
In der schönsten Keilerei.

Sie prügeln sich, der Tisch, der kippt.
Der Wind entdeckt das Manuskript,
Und bläst es mit Besessenheit
Hinweg in die Vergessenheit.

Bruno Wendt

Wachstum (2007, 2. Preis)

Wachstum

Ein Tor, aus Aluminium,
damit die beiden Pfosten
und auch die Latte oben rum
bei Feuchtigkeit nicht rosten,
ist in der Größe als Objekt
beim Fußball vorgeschrieben.-

 

Nun hat ein Maulwurf, gut versteckt,
dies aber hintertrieben
und tief im Boden rechts und links
die Pfosten untergraben,
was viele Spieler allerdings
nicht ganz begriffen haben.

 

So   glaubt der Torwart jetzt bereits
seit Tagen unverdrossen,
das Körperwachstum seinerseits
sei noch nicht abgeschlossen!

Lena Krochmann

Schneeballschlacht (2007, Sonderpreis)

Schneeballschlacht

Ein Ball aus Schnee, schön fest und rund,
glitzernd weiß, und gar nicht bunt,
fliegt "AUS VERSEHEN" aus meiner Hand
und, schlimmer noch, nicht an die Wand,
sondern schneller als das Licht
mitten rein, in dein Gesicht.

Dirk Nachtigall

Die Tüpfelhyäne (2006, 1. Preis)

Die Tüpfelhyäne

Im dürren Gras lacht die Hyäne.
Sie kann nichts für, es woll'n die Gene,
dass ihr das Zwerchfell mächtig zittert
sobald sie Frischkadaver wittert.
Sonst ist das Tierchen nicht so freudig,
läuft niederträchtig, stänkernd, räudig,
durch kärgliches Savannenland.
Die Zähne scharf, stumpf der Verstand.
Wenn sie nicht grad die Brut vermöbelt,
dann wird der Löwe vollgepöbelt.
Will dies Verhalten man verstehen,
muss man auf ihre Herkunft sehen.
Gott schuf die Welt. Soweit bekannt.
Mit künstlerischer Meisterhand
entstanden Berge, Täler, Seen,
Palmen zum Wedeln und Kakteen.
Dies Alles wirkte seltsam leer,
drum stellte Gott die Fauna her.
Er baute Grillen, Schafe, Ziegen,
Zum Schluss blieben noch Teile liegen.
Vom Pit Bull nahm er einen Kopf,
Fledermausohren drauf gepfropft,
ein Hals war leider nicht am Lager,
doch Schweinebauch - und nicht zu mager.
Dann schraubte Gott noch Beine dran,
vom Dackel und vom Dobermann.
Drum' rum ein Stück Giraffenhaut,
schon war das Tier zusammengebaut.
Im dürren Gras liegt die Hyäne,
auf hartem Boden, eine Träne.
Sie hätt' so gern bei Darwin Platz,
nicht nur als Gottes Bastelsatz.

Helmut Opitz

Blitzlichter (2006, 2. Preis)

Blitzlichter

Am Friedhofsausgang sitzt ein schräger
betagter Witwenabfangjäger.
Doch manche hats mit letzter Kraft
gerade noch vorbei geschafft.

Die Malergattin, sehr kompakt:
"Ich stehe heut Modell als Akt."
Der Malergatte jäh erbleicht.
Er weiß nicht, ob die Farbe reicht.
Er sagt zu ihr mit frohem Sinn:
"Ich geh mit dir durch dick und dünn."
Das mit dem "Dünn" tat ihm dann weh.
Denn sie bekam die Diarrhö.
Schutzengel sagt sich: "So ein Mist!
Der Bursche ist ja Atheist."
Er kickt ihn plötzlich voller Tücke
mit einem Arschtritt von der Brücke.
Fakire an dem Kochtopf dudeln
und senkrecht stehn die Fadennudeln.
Die später dann, und das ist schön,
auch senkrecht auf dem Teller stehn.

 

Rune Becker

Die Lesung (2005, 1. Preis)

Die Lesung

Dichterlesung:

Publikum sieht sich nach Bekannten um,
grüßt und drängt sich durchs Gewühle
und besetzt schon mal paar Stühle
mittels Jacke, Mantel, Schal
denn: noch hat man freie Wahl.

Mikroprobe:
Ach herrjeh! Schriller Ton tut Ohren weh!
Eins-eins-eins! Fiep-schnarr-Spektakel!
Licht geht auch nicht! Ein Debakel!
Doch man macht das Beste draus:
Dichter kommt auch ohne aus.

Kerzenschimmer:
Stimmung toll! Dichters Wasserglas: randvoll.
Dann Begrüßung, Eingangsworte,
Präsident spricht von der Sorte
Lyrik, die zu Ohren kommt.
Es erscheint der Dichter prompt.

Auditorium:
Klatscht die Hand: würdelos bis elegant.
Endlich Ruh`! Gespannte Stille!
Hörgerät an! Wo ist Brille?
Handy aus! Aus Höflichkeit…
Dichter dankt - und ist soweit…

Andachtsstille.
Manuskript. Dichter erstmal Wasser nippt.
Blättert dann. Beginnt zu lesen:
Von der Schönheit der Vogesen,
seinem Wald, der heilig ist….!
Hustenanfall! So ein Mist!

Störenfriede!
Reihe vier! Bonbon in Staniolpapier
soll das Kratzen, Jucken lindern,
neuerliches Stör`n verhindern,
während Dichter weiterliest -
Lyrik sich im Saal ergießt:

Nadelwälder
Buntsandstein Richtung Osten Oberrhein
Tau auf Blattwerk Wasserspiele
Regenbogenfarben viele
Wipfelrauschen inn`re Ruh
Herz geh`auf schweig still hör zu.

Anspruchsvolle
Lit`ratur. Dichters Stimme leider nur
ohne Tiefe, ohne Höh`n.
Gott, wär`n die Vogesen schön
gäb es doch auch Berg und Tal
in seiner Stimme hier im Saal!

Leier-leier.
Leierlei. Hoffentlich ist`s bald vorbei,
denn es schrumpfen die Vogesen
ein, als sei`n sie nie gewesen…
- Auf dem Monitor ein Strich:
totgeleiert, sicherlich -

Pausenglocke?
Weit gefehlt! Hintern rutscht und Lehne quält.
Man betrachtet fremde Jacken,
Ohren, Schuhe, Münder, Nacken.
Blick wird trübe, schließlich leer
und man hört bloß peripher.

Plötzlich Ruhe!
Dann Applaus. Wie es scheint ist Lesung aus…
Möchte jemand Fragen stellen,
um den Sinn noch zu erhellen?
Nein? Der Dichter beugt sich ver-
und verspricht:

Ich les` noch mehr!

Christian Maintz

Aus dem Liebesleben der Tiere - Heute: Das Wildschwein (2005, 2. Preis)

Aus dem Liebesleben der Tiere - Heute: Das Wildschwein

Im Schwarzwald haust, bei Badenweiler,
Ein kapitaler alter Keiler.

Er streift allein durch Feld und Forst,
Sein Name aber lautet: Horst.

Der Keiler Horst hat zwei Int'ressen:
Am Tage schlafen, abends fressen.

Doch naht im Herbst die Brunft des Schweins,
Dann will der Keiler nur noch eins:

Ihr ahnt es schon? Na klar! Genau!
Der Keiler Horst will eine Sau.

Er will sie, und er will sie bald;
Sein Liebesschrei hallt durch den Wald.

Das klingt nicht schön und nicht subtil,
Doch Anmut ist auch nicht sein Ziel;

Des Keilers Botschaft ist recht schlicht;
Sie lautet (glaubt es oder nicht):

"Ihr süßen Sauen, drallen Bachen,
Kommt her, dann lassen wir es krachen!

Ich will euch haben, euch besitzen,
Ich bringe euch gekonnt ins Schwitzen,

Ich will euch sehen, riechen, schmecken,
Will unter'm Bürzel euch belecken,

Ich will euch in die Nesseln jagen
Vielleicht auch mal in Fesseln schlagen?

Ich will's im Schlammbad mit euch treiben,
Will meinen Leib an euren reiben,

Will euch beschlagen, euch bespringen,
Euch ranzen, rollen, in euch dringen,

Will euch mit Keilerkraft betören,
Will euer schrilles Quieken hören,

Ich will euch sanft ermatten sehen
Und will mit euch vor Lust vergehen." -

So ruft auch heuer Horst, der Keiler;
Er wird allmählich heiser, weil er

Seit mancher Nacht vergeblich röhrt;
Noch hat ihn keine Sau erhört.

Doch plötzlich, eines Morgens früh,
Am Waldesrand, erblickt er sie:

Oh Wonne, sie nur anzuschauen:
Vanessa, lieblichste der Sauen!

Dies Weib ist schlicht gebenedeit.
Und erst ihr knappes Borstenkleid!

Starr steht und stumm der starke Keiler;
Sein Herzschlag rast, sein Blick wird geiler.

Wo gab es je solch holdes Schwein?
Horst weiß nur eins: Die muß es sein.

Er stürmt im Schweinsgaloppp herbei
Und spricht Vanessa an: "Äh, hi!

Ich bin der Horst - und wollte fragen,
Äh, also … quasi … sozusagen,

Wo heut die Sonne so schön scheint,
Ob du … äh … Sie und ich … vereint …

Zu zweit … anstatt hier rumzustehen …
Wir könnten doch ins Kino gehen …

Und hinterher … eventuell …
Ein Eis zusammen essen, gell?

Das paßt heut' schlecht? Na ja, egal.
Dann tschüß! Vielleicht ein andermal …"

Peter Düker

Trennungsglück, Ist er´s? oder Mörike heute, u.a.(2005, 3. Preis)

TRENNUNGSGLÜCK

Ein Regenwurm, der schizophren.
Wollt nach vorn und hinten geh'n.
Da teilte ihn ein Spatenstich
Und die beiden freuten sich.

IST ER´S?

oder: Mörike heute
Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte
Und ich leg um deine Hüfte
Voller Vorsicht meine Hand.
Veilchen hab ich schon
Die sind von dir gekommen.
- Schau, am Auge blüht der Forschheit Lohn!
Frühling, bist du's?
Ich seh dich nur verschwommen.

PERSPEKTIVEN

Schaust du in ein Aquarium
Und das Tier erscheint dir dumm
Bedenk, es säh nicht anders aus
Wärst du drin und schautest raus.

ZWEI FLIEGEN

Zwei Fliegen auf 'nem Kuchenstück hatten ihren Spaß
Sie schliefen beide ein - man ahnt es: Ja, das war's!
Eine reife Dame nahm den Kuchen mit
Ihre Brille war nicht stark genug, doch ihr Appetit.

Hätt ich zuvor gewüsst
Was es für eine Lüst
Wenn man dich küsst
Hätt früher ich's gemüsst.

DES LEBENS LAUF

Eine Fliege flog spazieren
Dachte noch, was soll passieren?
Schwupps, hat sie ein Frosch geschnappt
Arme Fliege, Pech gehabt.
Der Frosch, er hüpfte froh herum
"Ach, was ist die Fliege dumm!"
Sprang hoch und weit und jedenfalls
Gradwegs in den Storchenhals.
"Grün und hässlich ist der Lorch
Doch deliziös", sprach da der Storch
Flog gut gesättigt an den Nil
Als Häppchen für ein Krokodil.
Das Krokodil erschoss ein Jäger
Doch statt stolzem Bettvorleger
Wurd eine Damentasche draus
Mit der ging eine Dame aus.
Flog eine Fliege grad spazieren
Sah die Tasche sich genieren
"Ja, so ist des Lebens Lauf"
Summte sie und schiss darauf.

TASCHENDIEB

Ich wär so gern ein Taschendieb
Dass du mich nie vergisst
Von jedem bleibt am Ende nur
Was man mit ihm vermisst.

WEIHNACHT

Glocken, die da süß erklingen
Gänsebraten, die gelingen
Menschen, die entspannt und froh
Das ist Weihnacht... anderswo.

LEBENSWEG

Muss auch alles mal vergeh'n
Lässt du den Müll drei Wochen steh'n
Hast du den sicheren Beleg
Das Leben findet einen Weg.

LEHREN AUS DEM TIERREICH

Seit mein Pudel, die Susanne
Von einem Bobtail schwanger war
Rat ich den Frau'n: Traut keinem Manne
Mit übermäßig Körperhaar.

HYMNE

Aufgestanden als Ruine
Und der Zukunft zugewandt
Lauf ich gegen die Vitrine
Leg mich wieder hin sodann.

Alex Dreppec

Meinem Biolehrer und seinen Flechten (2004, 1. Preis)

Meinem Biolehrer und seinen Flechten

Mein Biolehrer Herr Wachten
liebte Moose und Flechten
und ließ uns - ich glaub', in der Achten -
einmal genauer betrachten
wie sie in Tagen und Nächten
sich sozusagen verflechten.
Tags darauf traf es mich, denn
ich sollte ihm nun berichten
was ich so wüsste und dächte
- und zwar speziell von der Flechte.
Ich sprach: "Ich richte mitnichten
die sich verflechtenden Flechten,
die Sie ja nun so verfechten.
Man sollte Flechten nicht ächten
und niemals entrechten - und so".

Er sagte nur: "Oho".

Ich sprach: "Nun... Flechten, sie flechten
und wenn sie es denn wirklich mochten
liegen am Ende verflochten
all diese Flechten so da".

Er sagte lauter: "Oha"
und: "Ich glaube, wir dichten".
Er bat mich, das Dunkel zu lichten.

Ich sprach: "Manche wachsen in Schluchten,
manche gedeihen in Buchten.
Vielleicht kann man sie dort auch züchten
und mit ihren Flechtenfrüchten
noch Handel treiben dazu".

Er zischte leise: "Nanu".

Weiter kam er diesmal nicht, denn
ich sprach: "und apropos Dichten!
Das Dunkel wird sicher sich lichten
wenn Sie trotz all ihrer Pflichten
was anderes uns unterrichten.
Vielleicht mal was mit Gedichten?
Mich wird man immer nur knechten
mit verflixten verflochtenen Flechten.
Ich sage es Ihnen ganz schlicht, denn
ich könnte auf Flechten verzichten".

Er sagte, man könne mitnichten
auf seine Flechten verzichten
und was ich mir wohl dabei dächte,
während er fürchterlich fluchte
und für mich eine Note verbuchte.

Ich glaube, es war eine schlechte.

Dieter Schweimler

Der Züngelmann (2004, Sonderpreis)

Der Züngelmann

Der Alltag, ach, in trüber Welt,
er wird nur selten aufgehellt.
Allein die bunten Hochglanz-Blätter
beleuchten unser Dasein netter.

Gesellschaftsfotos als Beleg
verweisen auf den rechten Weg
zu einem Leben ohne Tadel,
wie dies als Vorbild zeigt der Adel.

Bewährt in langer Tradition
auf Herrensitz und Königsthron
erwuchsen Etikette-Normen
und für den Umgang feine Formen.

Zum Beispiel klärten sie human
als Regel für den Untertan,
wie er bei Hof in Audienzen
sich nähern musst' den Standes-Grenzen.

Hier hatte er, dies explizit,
im Gruß zunächst den Unterschied
zu seiner Herrschaft zu bezeugen
und tief vor ihr sich zu verbeugen.

Im Angesicht den Souverän,
blieb leicht gebückt er vor ihm steh'n
und wenn er dessen Titel nannte,
erneut den Rumpf hinab er wandte.

Er sprach dabei den Edelmann
in Demut stets pluralis an.
Der Herr, indes auf höh'rer Wolke,
tat's indirekt zu seinem Volke.

* * *

Der Adels-Staat ist längst vorbei,
Benehmen seither einerlei.
Schau, nur in früh'ren Residenzen
kann heute noch das Wahre glänzen.

Dort strahlt es hell in einem fort.
Schloss Bücklingen ist so ein Ort.
Einst herrschte hier die edle Sippe
des Fürstenhauses Pflaumberg-Hippe.

Seither sind auch in diesem Reich
die meisten Menschen ziemlich gleich.
Erprobtes ließ jedoch sich wahren;
dazu gehört das Gruß-Gebaren:

Dem Magistrat bleibt der Respekt
vom Gegenüber nicht versteckt.
Nein, man beliebt aus freien Stücken
vor ihm zum Gruß sich tief zu bücken.

Ja, wird ein Rats-Repräsentant
mit Namen im Gespräch genannt,
sieht man den Redner krumm sich biegen
und ab und auf das Haupt ihn wiegen.

Aus Tradition und Höflichkeit,
ein Jeder ist voll Stolz bereit,
die Stadt-Autorität zu ehren,
um so ihr Anseh'n zu vermehren.

* * *

Bewährt zudem in diesem Land
war Macht allein in einer Hand.
Schloss Bücklingen in unsren Zeiten
erhält sich solche Eigenheiten.

Zwar gibt es hier auch eine Wahl
nach alt bekanntem Ritual.
Doch mag man nicht die Zwistigkeiten,
um jedem Ratssitz sich zu streiten,

zumal nun schon seit Jahr und Tag
nichts ändert sich am Endbetrag
der Sitze beider Ratsparteien
mit gleicher Zahl aus ihren Reihen.

Man lässt's dabei und wählt alsdann
stattdessen sich den "Züngelmann".
Er hat Gewicht in jeder Frage
und spielt das Zünglein an der Waage.

Wie's ihm beliebt, so stimmt er ab.
Das Endergebnis bleibt recht knapp.
Gleich wie er sich dabei entschieden,
der Stadt gibt's so den inn'ren Frieden.

Gleichwohl, das Amt erzeugt auch Neid
bei jenem, der aus Eitelkeit
gern selbst die Macht in Händen hätte
und führen möcht' an jener Stätte.

Dies äußert er meist nur geheim
und legt im Flüsterton den Keim.
Zum Schmieden solcher Umsturzränke
sind recht beliebt die Rathausbänke.

* * *

Vor kurzem gab es derart Fall
am Ende mit Zusammenprall,
bei dem auch mancher sich erregte,
der sonst den Mund zu halten pflegte.

Sie feierten ganz musterhaft
ne Auslandsstädte-Partnerschaft
wobei man zum Empfang gebeten,
und alle waren angetreten:

Da kam zunächst das Ratsgespann
nebst Hauptperson, dem Züngelmann,
in diesem Jahr Jörg Backenschreier;
er trug nen dunklen Doppelreiher.

Heinz Brummelbach als Widerpart,
fiel auf mit seinem Zwirbelbart.
Britt Blökeldeck, voll Selbstvertrauen,
vertrat die Position der Frauen.

Dies zeigt uns auf den engren Kern,
dazu die Gäste von extern.
Geladen hatte Traugott Brüller,
der Bürgermeister, früher Müller.

Wie üblich für ein solches Fest,
begann's mit Reden vom Podest.
Speziell ein herzliches "Willkommen"
wurd' dutzendfach im Raum vernommen.

Auch das Begrüßungs-Ritual
bewegte jeden Leib im Saal.
Voll Schwung sah man die Häupter sinken
und stolz den Schmuck und Orden blinken.

Vernehmen ließ sich oft ein Toast,
dann Gläserklang mit einem "Prost",
dazu Champagnerkelche kreisten,
die Gäste Canapees verspeisten.

Die Stimmung stieg mit jedem Glas.
Gar mancher trank reich über's Maß,
wobei sich dessen Zunge löste
und so das Ego bar entblößte.

* * *

Besonders einer wurde schwach,
in unsrem Fall Heinz Brummelbach;
denn hier gab's nicht die erste Feier
voll Neid auf Züngel-Backenschreier.

Der schaute diesen fragend an,
verbeugte sich und sprach sodann:
"Du Heinz, ich muss dich mal beehren.
Mir scheint, da gibt es was zu klären.

Zu andren sagst du, ich sei schlecht
in meinem Amt und ungerecht.
Kannst du mir dieses mal begründen.
Ich möchte keinen Streit entzünden."

Heinz Brummelbach mit Zechgesicht:
"Mit miesen Pissern red' ich nicht!"
Da solches kaum man überhörte,
den Backenschreier es empörte.

Sein Mondgesicht, es wurde rot,
und er, ansonsten recht kommod,
ließ sich von Brummelbach verleiten,
ganz laut mit ihm im Saal zu streiten.

"Das nehmen Sie sofort zurück!
Es ist ja wohl ein starkes Stück!"
So siezte Backenschreier diesen
und musste dabei plötzlich niesen.

Da er vom Beugen noch in Schwung,
erfuhr sein Wanst Erschütterung
und, ausgelöst vom inn'ren Zorne,
bewegte der sich weit nach vorne.

Das Resultat, es klingt recht schlicht,
verlor er doch das Gleichgewicht!
Bevor sein Leib geriet ins Fallen,
kam's heftig zum Zusammenprallen

mit Ratsherrin Britt Blökeldeck,
wie sie herantrat voller Schreck,
wo seine ausgestreckten Glieder
vergruben sich in ihrem Mieder.

Ihr Rückgrat prallte vor ne Wand,
doch er, im Normfall stets galant,
verhakte sich gleich einer Falle
in ihrer gold'nen Gürtelschnalle.

Das zog sie runter auf's Parkett.
Er fiel auf sie gleich einem Brett.
Britt Blökeldeck begann zu schreien,
versuchte, rasch sich zu befreien.

Indes, sein Körper war zu schwer,
lag eh'r zentral als peripher,
verhinderte, sich umzudrehen,
geschweige denn, schnell aufzustehen.

Er ruderte mit voller Kraft
auf seiner weichen Liegenschaft.
Ganz wie in einem Gummireifen,
versuchte er, nach Halt zu greifen.

Die Arme fuhren hin und her,
doch wo er fasste, griff er leer.
Da, ihr Parfüm, es sei gepriesen,
es reizte wieder ihn zu niesen.

Die Brust, sie wölbte sich zum Ball,
und dieser drehte sich mit Drall
und rollte so wie alle Glieder
am Ende auf's Parkett hernieder.

* * *

Betreten durch solch Prall-Eklat
stand gleich die Festgesellschaft da.
Heinz Brummelbach - gleich wie ein Geier -
"Seht her, so macht's der Backenschreier!

Er ist vom Saufen völlig breit!
und suchte wieder einmal Streit.
Dabei hat er die Britt gerempelt!"
So wurde dieser abgestempelt.

Die Ratsfrau, noch leicht angeknockt,
das Haar zerzaust, zuvor gelockt,
erhob sich mühsam, kam zum Stehen:
"Ich habe es genau gesehen!

Auf Brummelbach, da ging er los.
Dabei bekam auch ich nen Stoß.
Die Bluse ging sofort in Fetzen.
Die Absicht war, mich zu verletzen!"

"Der Jörg hat frech sich ausgedrückt
und Heinz beschimpft: <Du bist verrückt!>
Er wurde dabei immer dreister!"
So hat's gehört der Bürgermeister.

Jörg Backenschreier - unter Schock:
"Nicht ich bin hier der Sündenbock!
Mit Brummelbach wollt' ich was klären
und sprach ihn an in allen Ehren.

Doch er beleidigte mich nur
auf eine ziemlich miese Tour.
Das sollte wohl den Frust ertränken
und mich in meiner Würde kränken.

Denn höflich, wie ich immer bin,
verbeugte ich mich zu ihm hin,
kam dabei aus dem Gleichgewichte.
So ist in Wahrheit die Geschichte!"

Mit diesem Wort stand er allein.
Die meisten fanden's hundsgemein,
dass Jörg sich überhaupt empörte,
wo er's doch war, der hier so störte.

Der Bürgermeister sprach zur Tat:
"Da hilft nur ein Beschluss vom Rat!
Denn der ist die legale Bühne,
um festzulegen eine Sühne!"

* * *

So wurde es dann auch getan.
Bald tagte dieses Stadt-Organ.
Zur Klärung aller stritt'gen Fragen
verteilte man zwei Tischvorlagen.

Von Brummelbach der Antrag A
beschwor die seine Sicht als wahr
und nannte manche Paragrafen,
um Backenschreier abzustrafen.

Von dem war Antrag B verfasst,
zum ersten deutlich im Kontrast,
erklärte A er doch zur Lüge
und forderte dafür ne Rüge.

"Für Antrag A erhebt die Hand!"
sprach Brüller, der zum Zählen stand.
Es zeigte auf nur knapp die Hälfte;
zur Mehrheit fehlte grad' die Elfte.

"Nun meldet euch für Antrag B!"
Die gleiche Zahl ging in die Höh'.
Nur unser Züngelmann noch fehlte.
Man sah, wie ihn die Wahl arg quälte.

Und alle starrten jetzt auf ihn.
Für A? Für B? Was würd' er zieh'n?
Die Spannung stieg, es wurd' ganz stille.
Er schaute ernst durch seine Brille.

Der Schweiß, er perlte auf der Stirn;
dahinter plagte sich das Hirn.
Die Nase schien ihm jetzt zu jucken,
der Atem schwer, er musste schlucken.

Da wurde seine Stimme klar:
"Gar manches spricht für Antrag A.
Vergleich jedoch ich alle beide,
für Antrag B ich mich entscheide!"

Es brauste Beifall auf im Saal,
ein Ende hatte alle Qual.
Durch Machtwort war der Fall entschieden
und gab der Stadt den inn'ren Frieden.

In Demut sah man Brummelbach,
wie er laut klagte weh und ach,
vorm Souverän sich tief verbeugte
und dessen Herrschaft so bezeugte.

Ja, Bücklingen weist uns den Weg,
wie wohl bedacht ein Privileg
und edle Etikette-Normen
allein den wahren Menschen formen.

Gisela Walitzek-Platten

Gewissenhaft (2004)

Gewissenhaft

Jüngst tagte eine Kommission,
eingesetzt mit der Mission,
hochkarätig offiziell,
delegarisch informell,
zur Erörterung der Fragen
die die Menschheit stetig plagen.

Abgeschirmt und gut bewacht,
was die Sache wichtig macht,
traf man sich zunächst zum Essen,
dann beschloss man selbstvergessen,
beim Flanieren durch den lauten
Sommerabend zu verdauen.

All dies wäre nie beschrieben,
sondern unerwähnt geblieben,
wäre nicht recht ungebeten
noch ein Störfall eingetreten.
Denn die Putzfrau, die inzwischen
Anfing, mal feucht aufzuwischen,
fand beim Schrubben ganz beflissen
auf dem Boden ein Gewissen.

Erst dachte sie noch recht verwegen,
es unauffällig wegzufegen,
beschloss dann aber doch denselben
Fund gewissenhaft zu melden.
Dies war, wie die Erfahrung lehrt,
letzten Endes grundverkehrt

Was die gute Frau nicht blickte:
Ein Gewissen schafft Konflikte,
da sich durch Gewissensnot
gewissermaßen Eile bot.

In der Hoffnung, dass es nutze,
rief man den Verfassungsschutze
und nahm sehr gewissenhaft
das Gewissen mal in Haft;
ignorierte voll Gemeinheit
das Grundrecht auf Gewissensfreiheit

Man begründete die Lage
mit Klärung der Gewissensfrage
und trieb, obwohl es sich verbot,
das Gewissen arg in Not.

Man suchte mikro-makroskopisch,
zur Sicherheit auch demoskopisch
speziell nach Skrupeln und gewissen
Ängste und Gewissensbissen.
man fand, soweit man es besah,
dass es gewiss in Ordnung war;
erklärte es dann selbstgefällig
als pathologisch unauffällig.

Noch offen blieb die Frage bloß:
Wer war denn jetzt gewissenlos?
Und vor allem und warum
lag es so am Boden rum?

War es in den Eingangshallen
einem aus dem Kopf gefallen?
Oder wurde das Gewissen
jemand mit Gewalt entrissen?
War es, darauf kam man später,
ausgesetzt durch Attentäter,
die ja wohl erklärtermaßen
Gewissenstreue nicht besaßen?

Hochkarätig offiziell
Delegarisch informell
wurde eine Kommission
eingesetzt mit der Mission
zur Erörterung der Plage
dieser ganz gewissen Frage
beim Flanieren durch den lauen
Sommerabend zum Verdauen.

Bruno Wendt

Karl Knoll oder Die Entdeckung Amerikas (2004)

Karl Knoll oder Die Entdeckung Amerikas

Karl Knoll - es wusste niemand recht
woher er stammte - war als Knecht
für Bauer Lehmann unentbehrlich.
Von stiller Einfalt, treu und ehrlich
hieß er nach Jahren schon für alle
in der Familie schlicht der "Kalle",
war guter Onkel, Arbeitskraft
in Haus und Hof und Landwirtschaft
und stand in aller Herrgottsfrühe
vergnügt im Stall, molk brav die Kühe
und unterhielt sich mit dem Vieh.
Nur eines schien dem Kalle nie
und nimmer in den Kram zu passen:
Den Bauernhof mal zu verlassen.

Doch eines Holzwurms wegen ließ
sich leider eines Tages dies
beim besten Willen nicht vermeiden.
Der Bauer war beim Bäume Schneiden
ganz unerwartet abgestürzt:
Die Leiter hatte sich verkürzt,
war knackend, da vom Wurm durchkrochen,
knapp überm Boden abgebrochen
und hatte, nach dem harten Stoß
im Mittelteil fast sprossenlos,
am Beispiel Lehmann Newtons Lehre
von Masse, Kraft und Körperschwere
genau belegt: Nach lautem Krach
lag Lehmann nämlich unten flach!

Der Körperschaden zwang den Bauer
zwar nur für eine kurze Dauer
ins Bett, doch kam die ersten Tage
laut Arzt ein Aufstehn nicht in Frage,
weshalb nur Kalle übrig blieb,
die Salbe, die der Arzt verschrieb,
beim Apotheker zu besorgen ...
So fuhr der Knecht am nächsten Morgen
beklommen und im Magen flau
zur Stadt. Und schon im Bahnhofsbau
am "Meeting-Point" mit Automaten
für Ticket- und für Travel-Daten,
von vielen Reisenden umschwirrt,
fand Knoll, er hätt' sich wohl verirrt.

Im Trubel vor der Bahnhofshalle
verstärkte sich beim alten Kalle
der Eindruck, völlig falsch zu sein:
Ein Haufen Lärm drang auf ihn ein
und sorgte gleich für Ohrensausen.
Auch schienen ihm die Leute draußen
zum Teil von unbekannter Art:
Sie waren wirr und bunt behaart
und fest verdrahtet überall!
Durch bloße Haut stach das Metall
und glänzte silbern, selbst am Nabel.
Und wie das Sprachgemisch aus Babel,
das früher schon den Turmbau störte,
klang alles, was er las und hörte.

Ins "City-Centrum" wies ein Schild.
Auf einem Schlittschuhläuferbild
war "Holiday on Ice" zu lesen.
Ein Imbiss-Stand mit schmalem Tresen
warb für "Hotdogs" als kleinen "Snack",
doch Kalle blieb die Spucke weg,
denn da bestand das Angebot
dann nur aus ausgehöhltem Brot,
in dem ein dünnes Würstchen steckte!
Und ein Lokal, das er entdeckte,
war kurios, ganz bunt und grell:
Die Gäste mampften ziemlich schnell,
doch wurden "Burger" dort und "Chicken"
zuerst verpackt - wie zum Verschicken!

Ein "Fashion-Shop" bot "Shorts" und "Jeans"
und "Shirts" und "Beachwear" an für "Teens";
ein "Nightclub" warb mit "Table-dance"
für "Rock- und Pop- und Hiphop-Fans",
und "Comics, Books, Cartoons and more"
verkaufte jemand namens "Store"! -
Als dann noch eine unbekannte
Person ihn kichernd Oldie nannte
und irgendwas von Outfit sprach,
worauf er sich den Kopf zerbrach,
was super mega cool wohl heiße,
schien für Karl Knoll das Ziel der Reise
unendlich fern. - Da plötzlich sah
er leuchtend rot ein großes "A"!

Zwar blieb, was Apotheke hieß,
auch wieder fremd, denn man verwies
auf "Master-Creme" für "softes Peeling",
auf Kapseln für "relaxtes Feeling"
und "Wellness-Power-Fitness-Kur"
mit "Anti-Aging-Rezeptur",
doch gab's die Salbe! - Kalle strahlte. -
Als er dann an der Kasse zahlte,
schien er jedoch ganz aufgeschmissen:
Ein Fräulein wollte nämlich wissen,
ob er vielleicht mit Card begleiche,
wobei die PIN dann völlig reiche;
sonst sei auf Cash man eingestellt. -
Zum Glück nahm sie zum Schluss sein Geld!

Nun eilte Kalle, längst im Dunkeln,
zurück zum Bahnhof, und das Funkeln
der neon-bunten Leuchtreklamen,
die "Sexy Girls" im Fensterrahmen
der "Striptease-Bar" auf seinem Weg
und "Laser-Show" 'ner "Discothek"
nahm er als weitere Beweise,
er sei auf großer Auslandsreise -
ein Wunder, das er nicht vergaß. -
Dem Bauern, der bald drauf genas,
half Kalle noch in vielen Jahren,
doch nie mehr ist er weggefahren -
nur oft aus Träumen aufgeschreckt,
er hätt' Amerika entdeckt ...!

Bettina Hoffmann-Günster

Am Meer (2003, 1. Preis)

Am Meer

Still liegt sie da, die endlose See,
still wie ein regloses Blatt.
Kein Zephir, kein Windhauch, kein Lüftchen, das weht,
so kraftlos, so müde und matt.
Doch sieh nur ! Dort drüben, wo's grad noch geblaut,
wo Himmel und Erde vereint,
ist dort nicht ein winziges Wölkchen, das graut?
Fürwahr, es ist wie es scheint!
Und auf dieses eine ein größeres trifft,
gar viele schon sind es am Ort.
Wie eilig das segelnde Schifflein nun schifft,
nur hurtig zum sicheren Port.
Nun säuselt es schon, nun weht es schon bald.
Welch herber äolischer Hauch!
Nun windet's gewaltig, nun bläst es saukalt...
Mein Freund, sag, verspürst du es auch?
Jetzt reißt gar ein Blitz den Himmel entzwei,
ein zackichter, glühender Dorn!
Mit Poltern und Donnergegröle dabei,
oben, unten und hinten und vorn.
Die himmlischen Schleusen, sie öffnen sich weit
Und nässen des Wanderers Zwirn.
Solch Unbill zu trotzen ist es nicht gefeit,
denn der Arme, er hat keinen Schirm.
Und jäh heult der Sturmwind und schwillt zum Orkan,
die Welle wogt gurgelnd hinaus
und bricht sich als brandende Flut wie im Wahn
mit Brüllen und wildem Gebraus.
Nun fragst du mich, Mensch, im Innern so flau:
Wer störte des Ozeans Ruh
Mit tosendem Rauschen. Mit grollendem Grau,
mit gleißenden Blitzen dazu?
Wer reizte die See? Wer peitschte die Flut?
Wer trieb sie zu schäumender Gischt?
Wer brachte die Mächte des Meeres in Wut....?
Also ich war es jedenfalls nicht!

Dietrich Hucke

Warnung an einen nach Afrika aufbrechenden Hornisten (2003)

Warnung an einen nach Afrika aufbrechenden Hornisten

Du stießest schon in manches Horn.
Tenor-, Jagd-, Wald-, Alp-. Flügelhorn,
in Hörner groß und klein.
Das Nashorn laß! Selbst wenn es döst,
denn eh du in ein solches stößt,
stößt es in dich hinein.
Dann werden, bis dein Atem stockt,
die Töne, die es dir entlockt,
weithin zu hören sein.

 

Ferdinand Kirchhoff

Das Suppenhuhn (2002)

Das Suppenhuhn

Das Suppenhuhn
kann endlich ruh’n
und braucht nicht mehr zu rackern.

Es steht beim Hahn
nicht mehr im Plan,
darf garen, muss nicht gackern.

 

Thomas Nave

Das darwinistische Börsenspiel(2002)

Das darwinistische Börsenspiel

Wir wolln Euch nicht vernichten
Wir wolln nicht Eure Welt
Wir wollen nur das Eine
Wir wollen Euer Geld

Investiert in unsre Aktien
Mit Eurem guten Geld
Wir bieten Euch Erträge
Versprechen die man hält

Ihr seid zwar kleine Fische
Doch Kleinvieh macht auch Mist
Wir sind die großen Haie
Klar wer am Ende frist

Und seid Ihr dann auch Pleite
So hattet Ihr doch Spaß
Aufregung und Nervenkitzel
Das ist doch immerhin schon was

Georg Raabe

Verse von den fünf Versuchungen (2001)

Verse von den fünf Versuchungen

 I. Prahlerei

Der berühmte Entdecker
Entdecker Neidhardt von der Quandt
entdeckte manches neue Land.

Fand hier ein neues Flußgerinsel
und dort dann eine Palmeninsel.

Erstöberte Meere und Berge.
Sah fremde Völker, Riesen, Zwerge.

So an die sechzehn Kontinente
fand Neidhardt bis zu seiner Rente!

Wen das besonders faszinierte,
war König Kurt, der Quandt regierte.

Sein Reich wuchs durch das neue Land,
was er als angenehm empfand.

So wurde Quandt, zurückgekehrt,
von seinem König hoch geehrt,

gelobt, belohnt und andres mehr.
Ins neue Land zog dann ein Heer,

um mittels der Gewalt von Waffen
sich dies erobernd zu beschaffen.

Doch meistens kam es nicht so weit.
An einer Schwervergeßlichkeit

litt der berühmte von der Quandt,
der's neue Land nicht wiederfand.

Fritz J. Schaarschuh

Der Duden-Kaspar (frei nach Heinrich Hoffmann) (2001)

Der Duden-Kaspar (frei nach Heinrich Hoffmann)

Ich schreibe diese Wörter nicht,
nein, diese Wörter schreib' ich nicht:
Das Portmonee, die Majonäse,
Dublee, Kupee und solchen Käse!
Und weil scharmant ist der Charmeur,
ist Scharm für mich ein Schreibmalheur.

So schreibe ich, wenn Unheil droht,
ganz konsequent in meiner Not:
Das Mannekäng, die Schangsonette,
Bulljong, Fopa und Siluette.
Und gehe damit schon konform
mit Deutschlands nächster Schreibreform.

Jan Josefiak

Familienangelegenheiten (2000)

Familienangelegenheiten

Süßen Tee und süße Butter
warfen Vater sich und Mutter
gegenseitig ins Gesicht,
Mutters Würfe trafen nicht.

Mutter greft zur Kaffeekanne,
Vater nimmt die Waffelpfanne,
Kanne springt am Kopf entzwei,
Pfanne schlägt daran vorbei.

Vater, Mutter, Kind benommen,
Kind hat Pfanne abbekommen,
Oma ist schon länger tot,
Schädelbruch beim Abendbrot.

Hippe Habasch

mensch - natur - technik (2000)

mensch - natur - technik

der mensch kam am 25. februar 1917 zur welt. in deutschland.
die natur hatte ihn mit einer hasenscharte ausgestattet.
die technik steckte noch in den kinderschuhen und konnte nicht allzuviel ausrichten.

der mensch kam am 12. september 1946 zur welt. in japan.
die technik hatte fortschritte gemacht und ihn mit verkrüppelten gliedmaßen ausgestattet.
die natur konnte nicht allzuviel ausrichten.

mensch - natur - technik - rentabilitätsrechnung

im jahr 2000 wird es dank des einsatzes modernster technik
für die beiden menschen immer schwieriger, auf natürlichem wege zu sterben.

Jürgen Lux

Die Null-Diät (1999, 1. Preis)

Die Null-Diät

Herr Hinz mit Frau und Hund und Heim
ging mit den Jahren aus dem Leim,
verlor an Spannkraft und an Schick
und wurde breit und wurde dick.

"Frau", sprach er drum, "mit dem Genuß
von Kalorien ist jetzt Schluß.
Ab heute leb' ich, eh's zu spät,
ab heute lebe ich Diät."

Und konsequent versucht er alles,
was Opfer eines solchen Falles
auf unbequemen Schmalkostwegen
sich murrend anzutuen pflegen:

Da gab's Salat aus Lauch und Kressen,
in Gramm gewognes Trennkostessen,
Gemüse, Müsli, Korn, Zermatschtes
und Schlankheitstrunk und Weight-Gewatschtes

und Sauerkraut und Quark und Wurzeln.
Und siehe da: die Pfunde purzeln,
sogar recht schnell, doch noch viel schneller
ging auch die Stimmung in den Keller.

Sein Zustand wurde schlimm und schlimmer:
Von Lebensfreude keinen Schimmer.
Er fand mit Mosern und mit Motzen
sich und die ganze Welt zum Kotzen.

"Mann", sprach die Frau, "hör' auf zu hungern
und in Diäten rumzulungern:
denn dein Genörgel und Gemecker
geht mir allmählich auf den Wecker."

Gesagt, getan. Doch die Idylle
zerstört bald neue Leibesfülle,
denn der Jojo-Effekt beschwor,
daß er noch dicker als zuvor.

Herr Hinz kratzt sich im feisten Nacken:
"Verdammt noch mal, ich muß es packen!",
und er beschließt, daß ab sofort
sein Heil zu suchen sei im Sport.

Da wird geturnt, gejoggt, geschwitzt,
wie blöde durch den Wald geflitzt,
und auch beim Tennis und beim Skwosche
bis zur Erschöpfung rumgedroschen,

ja, selbst bei Nacht betreibt er hastig
- und zwar alleine - Bettgymnastik,
kurzum, es wird mit voller Wucht
der selbstdiktierte Sport zur Sucht.

Sein Aussehn wurde derb und kantig,
sein Wesen wurde herb und grantig,
so daß sein Weib in Trauer schniebte:
"Du bist nicht der, den ich einst liebte!

Hör auf mit deinem blöden Sport,
sonst hau' ich ab, und zwar sofort!"
Das wollte Hinz auf keinen Fall,
und hörte auf und wurde drall.

So drall wie niemals je zuvor.
Er kratzt sich mühsam hinterm Ohr
(wir wissen, der Jojo-Effekt!)
und sprach: "Ich mach's mit Intellekt,

will transmental mich tief versenken
und mich ganz einfach schlanker denken,
da hat das Dicksein keine Chance",
und machte "Omm" und fiel in Trance.

So saß er in sich selbst versunken,
hat nicht gegessen, nicht getrunken,
und war so dürr wie vordem feist
und war zum Schluß fast nur noch Geist.

Nun machte, allem Geist zum Trutz,
Frau Hinz vor kurzem Frühjahrsputz,
und sie betrat, wie sonst auch immer,
zwecks Reinigung des Gatten Zimmer.

Als sie dem dürren Griesegram
staubsaugend nun zu nahe kam,
da macht es plopp! und mit dem Dreck
saugt sie auch ihren Gatten weg.

"Ach", sprach sein Weib, sein resolutes,
"auch dieses Ende hat sein Gutes,
was weg ist, muß ich nicht bestatten",
und nahm sich einen neuen Gatten.

Und die Moral von der Geschicht'?
Als Schlanker totsein lohnt sich nicht,
zumindest nicht, solange man
als Dicker fröhlich leben kann!

Rolf Rühlicke

Wenn's brennt (1999)

Wenn's brennt

Jeder, der sich etwas auskennt,
wird versuchen, wenn das Haus brennt,
möglichst viele von den Dingen,
die er liebt, heraus zu bringen.

Dabei kann es dann passieren,
daß wir zuviel Zeit verlieren,
ungern übt der Mensch Verzicht,
was nun retten, und was nicht?

Schon so manches ist verkohlt,
weil man es nicht rausgeholt,
darum sei hier kurz erklärt,
wie man, wenn es brennt, verfährt.

Den Wellensittich, meist ein blauer,
nimmt man zuerst, möglichst mit Bauer.
Man blicke nicht zu aufgeregt,
weil sich das auf den Vogel legt.

Die andere Hand, die noch frei,
greift sich zwei Gläser nebenbei,
um nach dem Feuer einzuschenken,
man muß ja auch an später denken.

Rette als nächstes unbeirrt,
weil man dich danach fragen wird,
all das, was dir nicht selbst gehört,
was du geborgt hast, und nun stört.

Das Wichtigste hast du nun schon.
Im Zweifel greif zum Telefon,
sicher gibt's eine Bekannte,
bei der es auch schon einmal brannte.

Während du ausführlich erzählst,
warum du ihre Nummer wählst,
bittest du sie, dir doch zu sagen,
was sie damals herausgetragen.

Denn nur nach praktischem Erleben
läßt sich fundierter Ratschlag geben,
und glücklich ist, wer jemand kennt,
der einen Rat hat, wenn es brennt.

Hat die Bekannte etwas Zeit,
ist sie vielleicht sogar bereit,
hilfreich gestimmt herbei zu eilen,
mit dir das Rettungswerk zu teilen.

Wichtig, wenn alles dann geklärt,
daß auch die Feuerwehr erfährt,
was du schon alles unternommen.
Und bitte sie dann, schnell zu kommen.

Rainer Würth

Frau K. läuft Amok (1998)

Frau K. läuft Amok

Am Ende eines
plastiktütenschwangeren
Donnerstags
zog
Frau K.
gegen die
münzäugigen
dauergewellten
scannerkassenseligen
Kriegerinnen
silbervergitterter
Kampfwagen
in die Schlacht.

Hermann Wischnat

Nachruf (1998)

Nachruf

Du führtest hier an diesem Ort
jahrzehntelang das große Wort.
Dein Platz ist leer. Nach dir jetzt Schweigen.
Auch so kann dieser Ort sich zeigen.

Jens Gehring

Karriere (1997)

Karriere

Als Kandidat in jedem Falle
taugt unbedingt die Meeresqualle.
Nicht nur, daß sie im Trüben wallt
und laufend Schleimiges verschwallt,
sich glitschig aus den Fingern windet,
wo immer sich ein Schlupfloch findet,
farblos in der Umgebung schwimmt
und im Profil recht unbestimmt,
sehr wäss'rig und substanzlos treibt
und ohne Strömung liegenbleibt,
- nein, wichtig ist hervorzuheben,
sie führt ein rückgratloses Leben!

Wolfgang Funke

Vorbedingung (1997)

Vorbedingung

Das ist der Durchschnittslebenslauf:
Der Mitmensch wird beladen.
und stets paßt noch was obenauf
an Spott und auch an Schaden.

So biegen ihn die Jahre krumm.
Er stemmt die Last vergebens.
Und eines Tages ist es um,
das Stück beschwerten Lebens.

Ganz plötzlich ist das Ziel erreicht:
Die Mühsal liegt in Scherben.
Zuletzt wird jedes Leben leicht.
Man muß zuvor nur sterben.