Preisträger des Hans-Huckebein-Preises*

* seit 2013, bis 2011 Wilhelm-Busch-Förderpreis

Preis 2005

1. Preis:

Rune Becker, Steinburg

Die Lesung

Die Lesung

Dichterlesung:

Publikum sieht sich nach Bekannten um,
grüßt und drängt sich durchs Gewühle
und besetzt schon mal paar Stühle
mittels Jacke, Mantel, Schal
denn: noch hat man freie Wahl.

Mikroprobe:
Ach herrjeh! Schriller Ton tut Ohren weh!
Eins-eins-eins! Fiep-schnarr-Spektakel!
Licht geht auch nicht! Ein Debakel!
Doch man macht das Beste draus:
Dichter kommt auch ohne aus.

Kerzenschimmer:
Stimmung toll! Dichters Wasserglas: randvoll.
Dann Begrüßung, Eingangsworte,
Präsident spricht von der Sorte
Lyrik, die zu Ohren kommt.
Es erscheint der Dichter prompt.

Auditorium:
Klatscht die Hand: würdelos bis elegant.
Endlich Ruh`! Gespannte Stille!
Hörgerät an! Wo ist Brille?
Handy aus! Aus Höflichkeit…
Dichter dankt - und ist soweit…

Andachtsstille.
Manuskript. Dichter erstmal Wasser nippt.
Blättert dann. Beginnt zu lesen:
Von der Schönheit der Vogesen,
seinem Wald, der heilig ist….!
Hustenanfall! So ein Mist!

Störenfriede!
Reihe vier! Bonbon in Staniolpapier
soll das Kratzen, Jucken lindern,
neuerliches Stör`n verhindern,
während Dichter weiterliest -
Lyrik sich im Saal ergießt:

Nadelwälder
Buntsandstein Richtung Osten Oberrhein
Tau auf Blattwerk Wasserspiele
Regenbogenfarben viele
Wipfelrauschen inn`re Ruh
Herz geh`auf schweig still hör zu.

Anspruchsvolle
Lit`ratur. Dichters Stimme leider nur
ohne Tiefe, ohne Höh`n.
Gott, wär`n die Vogesen schön
gäb es doch auch Berg und Tal
in seiner Stimme hier im Saal!

Leier-leier.
Leierlei. Hoffentlich ist`s bald vorbei,
denn es schrumpfen die Vogesen
ein, als sei`n sie nie gewesen…
- Auf dem Monitor ein Strich:
totgeleiert, sicherlich -

Pausenglocke?
Weit gefehlt! Hintern rutscht und Lehne quält.
Man betrachtet fremde Jacken,
Ohren, Schuhe, Münder, Nacken.
Blick wird trübe, schließlich leer
und man hört bloß peripher.

Plötzlich Ruhe!
Dann Applaus. Wie es scheint ist Lesung aus…
Möchte jemand Fragen stellen,
um den Sinn noch zu erhellen?
Nein? Der Dichter beugt sich ver-
und verspricht:

Ich les` noch mehr!

2. Preis:

Christian Maintz, Hamburg

Aus dem Liebesleben der Tiere - Heute: Das Wildschwein

Aus dem Liebesleben der Tiere - Heute: Das Wildschwein

Im Schwarzwald haust, bei Badenweiler,
Ein kapitaler alter Keiler.

Er streift allein durch Feld und Forst,
Sein Name aber lautet: Horst.

Der Keiler Horst hat zwei Int'ressen:
Am Tage schlafen, abends fressen.

Doch naht im Herbst die Brunft des Schweins,
Dann will der Keiler nur noch eins:

Ihr ahnt es schon? Na klar! Genau!
Der Keiler Horst will eine Sau.

Er will sie, und er will sie bald;
Sein Liebesschrei hallt durch den Wald.

Das klingt nicht schön und nicht subtil,
Doch Anmut ist auch nicht sein Ziel;

Des Keilers Botschaft ist recht schlicht;
Sie lautet (glaubt es oder nicht):

"Ihr süßen Sauen, drallen Bachen,
Kommt her, dann lassen wir es krachen!

Ich will euch haben, euch besitzen,
Ich bringe euch gekonnt ins Schwitzen,

Ich will euch sehen, riechen, schmecken,
Will unter'm Bürzel euch belecken,

Ich will euch in die Nesseln jagen
Vielleicht auch mal in Fesseln schlagen?

Ich will's im Schlammbad mit euch treiben,
Will meinen Leib an euren reiben,

Will euch beschlagen, euch bespringen,
Euch ranzen, rollen, in euch dringen,

Will euch mit Keilerkraft betören,
Will euer schrilles Quieken hören,

Ich will euch sanft ermatten sehen
Und will mit euch vor Lust vergehen." -

So ruft auch heuer Horst, der Keiler;
Er wird allmählich heiser, weil er

Seit mancher Nacht vergeblich röhrt;
Noch hat ihn keine Sau erhört.

Doch plötzlich, eines Morgens früh,
Am Waldesrand, erblickt er sie:

Oh Wonne, sie nur anzuschauen:
Vanessa, lieblichste der Sauen!

Dies Weib ist schlicht gebenedeit.
Und erst ihr knappes Borstenkleid!

Starr steht und stumm der starke Keiler;
Sein Herzschlag rast, sein Blick wird geiler.

Wo gab es je solch holdes Schwein?
Horst weiß nur eins: Die muß es sein.

Er stürmt im Schweinsgaloppp herbei
Und spricht Vanessa an: "Äh, hi!

Ich bin der Horst - und wollte fragen,
Äh, also … quasi … sozusagen,

Wo heut die Sonne so schön scheint,
Ob du … äh … Sie und ich … vereint …

Zu zweit … anstatt hier rumzustehen …
Wir könnten doch ins Kino gehen …

Und hinterher … eventuell …
Ein Eis zusammen essen, gell?

Das paßt heut' schlecht? Na ja, egal.
Dann tschüß! Vielleicht ein andermal …"

3. Preis:

Peter Düker, Hannover

Trennungsglück, Ist er´s? oder Mörike heute, u.a.

Trennungsglück, Ist er´s? oder Mörike heute, u.a.

TRENNUNGSGLÜCK

Ein Regenwurm, der schizophren.
Wollt nach vorn und hinten geh'n.
Da teilte ihn ein Spatenstich
Und die beiden freuten sich.

IST ER´S?

oder: Mörike heute
Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte
Und ich leg um deine Hüfte
Voller Vorsicht meine Hand.
Veilchen hab ich schon
Die sind von dir gekommen.
- Schau, am Auge blüht der Forschheit Lohn!
Frühling, bist du's?
Ich seh dich nur verschwommen.

PERSPEKTIVEN

Schaust du in ein Aquarium
Und das Tier erscheint dir dumm
Bedenk, es säh nicht anders aus
Wärst du drin und schautest raus.

ZWEI FLIEGEN

Zwei Fliegen auf 'nem Kuchenstück hatten ihren Spaß
Sie schliefen beide ein - man ahnt es: Ja, das war's!
Eine reife Dame nahm den Kuchen mit
Ihre Brille war nicht stark genug, doch ihr Appetit.

Hätt ich zuvor gewüsst
Was es für eine Lüst
Wenn man dich küsst
Hätt früher ich's gemüsst.

DES LEBENS LAUF

Eine Fliege flog spazieren
Dachte noch, was soll passieren?
Schwupps, hat sie ein Frosch geschnappt
Arme Fliege, Pech gehabt.
Der Frosch, er hüpfte froh herum
"Ach, was ist die Fliege dumm!"
Sprang hoch und weit und jedenfalls
Gradwegs in den Storchenhals.
"Grün und hässlich ist der Lorch
Doch deliziös", sprach da der Storch
Flog gut gesättigt an den Nil
Als Häppchen für ein Krokodil.
Das Krokodil erschoss ein Jäger
Doch statt stolzem Bettvorleger
Wurd eine Damentasche draus
Mit der ging eine Dame aus.
Flog eine Fliege grad spazieren
Sah die Tasche sich genieren
"Ja, so ist des Lebens Lauf"
Summte sie und schiss darauf.

TASCHENDIEB

Ich wär so gern ein Taschendieb
Dass du mich nie vergisst
Von jedem bleibt am Ende nur
Was man mit ihm vermisst.

WEIHNACHT

Glocken, die da süß erklingen
Gänsebraten, die gelingen
Menschen, die entspannt und froh
Das ist Weihnacht... anderswo.

LEBENSWEG

Muss auch alles mal vergeh'n
Lässt du den Müll drei Wochen steh'n
Hast du den sicheren Beleg
Das Leben findet einen Weg.

LEHREN AUS DEM TIERREICH

Seit mein Pudel, die Susanne
Von einem Bobtail schwanger war
Rat ich den Frau'n: Traut keinem Manne
Mit übermäßig Körperhaar.

HYMNE

Aufgestanden als Ruine
Und der Zukunft zugewandt
Lauf ich gegen die Vitrine
Leg mich wieder hin sodann.