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Dichterlesung:
Publikum sieht sich nach Bekannten um,
grüßt und drängt sich durchs Gewühle
und besetzt schon mal paar Stühle
mittels Jacke, Mantel, Schal
denn: noch hat man freie Wahl.
Mikroprobe:
Ach herrjeh! Schriller Ton tut Ohren weh!
Eins-eins-eins! Fiep-schnarr-Spektakel!
Licht geht auch nicht! Ein Debakel!
Doch man macht das Beste draus:
Dichter kommt auch ohne aus.
Kerzenschimmer:
Stimmung toll! Dichters Wasserglas: randvoll.
Dann Begrüßung, Eingangsworte,
Präsident spricht von der Sorte
Lyrik, die zu Ohren kommt.
Es erscheint der Dichter prompt.
Auditorium:
Klatscht die Hand: würdelos bis elegant.
Endlich Ruh`! Gespannte Stille!
Hörgerät an! Wo ist Brille?
Handy aus! Aus Höflichkeit
Dichter dankt - und ist soweit
Andachtsstille.
Manuskript. Dichter erstmal Wasser nippt.
Blättert dann. Beginnt zu lesen:
Von der Schönheit der Vogesen,
seinem Wald, der heilig ist
.!
Hustenanfall! So ein Mist!
Störenfriede!
Reihe vier! Bonbon in Staniolpapier
soll das Kratzen, Jucken lindern,
neuerliches Stör`n verhindern,
während Dichter weiterliest -
Lyrik sich im Saal ergießt:
Nadelwälder
Buntsandstein Richtung Osten Oberrhein
Tau auf Blattwerk Wasserspiele
Regenbogenfarben viele
Wipfelrauschen inn`re Ruh
Herz geh`auf schweig still hör zu.
Anspruchsvolle
Lit`ratur. Dichters Stimme leider nur
ohne Tiefe, ohne Höh`n.
Gott, wär`n die Vogesen schön
gäb es doch auch Berg und Tal
in seiner Stimme hier im Saal!
Leier-leier.
Leierlei. Hoffentlich ist`s bald vorbei,
denn es schrumpfen die Vogesen
ein, als sei`n sie nie gewesen
- Auf dem Monitor ein Strich:
totgeleiert, sicherlich -
Pausenglocke?
Weit gefehlt! Hintern rutscht und Lehne quält.
Man betrachtet fremde Jacken,
Ohren, Schuhe, Münder, Nacken.
Blick wird trübe, schließlich leer
und man hört bloß peripher.
Plötzlich Ruhe!
Dann Applaus. Wie es scheint ist Lesung aus
Möchte jemand Fragen stellen,
um den Sinn noch zu erhellen?
Nein? Der Dichter beugt sich ver-
und verspricht:
Ich les` noch mehr!
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