Leseprobe - Bettina Hoffmann-Günster
 
   
 
   

Bettina Hoffmann-Günster

Beitrag 2003, 1. Preis

  Am Meer
 


Still liegt sie da, die endlose See,
still wie ein regloses Blatt.
Kein Zephir, kein Windhauch, kein Lüftchen, das weht,
so kraftlos, so müde und matt.
Doch sieh nur ! Dort drüben, wo's grad noch geblaut,
wo Himmel und Erde vereint,
ist dort nicht ein winziges Wölkchen, das graut?
Fürwahr, es ist wie es scheint!
Und auf dieses eine ein größeres trifft,
gar viele schon sind es am Ort.
Wie eilig das segelnde Schifflein nun schifft,
nur hurtig zum sicheren Port.
Nun säuselt es schon, nun weht es schon bald.
Welch herber äolischer Hauch!
Nun windet's gewaltig, nun bläst es saukalt...
Mein Freund, sag, verspürst du es auch?
Jetzt reißt gar ein Blitz den Himmel entzwei,
ein zackichter, glühender Dorn!
Mit Poltern und Donnergegröle dabei,
oben, unten und hinten und vorn.
Die himmlischen Schleusen, sie öffnen sich weit
Und nässen des Wanderers Zwirn.
Solch Unbill zu trotzen ist es nicht gefeit,
denn der Arme, er hat keinen Schirm.
Und jäh heult der Sturmwind und schwillt zum Orkan,
die Welle wogt gurgelnd hinaus
und bricht sich als brandende Flut wie im Wahn
mit Brüllen und wildem Gebraus.
Nun fragst du mich, Mensch, im Innern so flau:
Wer störte des Ozeans Ruh
Mit tosendem Rauschen. Mit grollendem Grau,
mit gleißenden Blitzen dazu?
Wer reizte die See? Wer peitschte die Flut?
Wer trieb sie zu schäumender Gischt?
Wer brachte die Mächte des Meeres in Wut....?
Also ich war es jedenfalls nicht!

 
 
 
     
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