Leseprobe - Alex Dreppec
 
   
 
   

Dieter Schweimler

Beitrag 2004, Sonderpreis

  Der Züngelmann
 


Der Alltag, ach, in trüber Welt,
er wird nur selten aufgehellt.
Allein die bunten Hochglanz-Blätter
beleuchten unser Dasein netter.

Gesellschaftsfotos als Beleg
verweisen auf den rechten Weg
zu einem Leben ohne Tadel,
wie dies als Vorbild zeigt der Adel.

Bewährt in langer Tradition
auf Herrensitz und Königsthron
erwuchsen Etikette-Normen
und für den Umgang feine Formen.

Zum Beispiel klärten sie human
als Regel für den Untertan,
wie er bei Hof in Audienzen
sich nähern musst' den Standes-Grenzen.

Hier hatte er, dies explizit,
im Gruß zunächst den Unterschied
zu seiner Herrschaft zu bezeugen
und tief vor ihr sich zu verbeugen.

Im Angesicht den Souverän,
blieb leicht gebückt er vor ihm steh'n
und wenn er dessen Titel nannte,
erneut den Rumpf hinab er wandte.

Er sprach dabei den Edelmann
in Demut stets pluralis an.
Der Herr, indes auf höh'rer Wolke,
tat's indirekt zu seinem Volke.

* * *

Der Adels-Staat ist längst vorbei,
Benehmen seither einerlei.
Schau, nur in früh'ren Residenzen
kann heute noch das Wahre glänzen.

Dort strahlt es hell in einem fort.
Schloss Bücklingen ist so ein Ort.
Einst herrschte hier die edle Sippe
des Fürstenhauses Pflaumberg-Hippe.

Seither sind auch in diesem Reich
die meisten Menschen ziemlich gleich.
Erprobtes ließ jedoch sich wahren;
dazu gehört das Gruß-Gebaren:

Dem Magistrat bleibt der Respekt
vom Gegenüber nicht versteckt.
Nein, man beliebt aus freien Stücken
vor ihm zum Gruß sich tief zu bücken.

Ja, wird ein Rats-Repräsentant
mit Namen im Gespräch genannt,
sieht man den Redner krumm sich biegen
und ab und auf das Haupt ihn wiegen.

Aus Tradition und Höflichkeit,
ein Jeder ist voll Stolz bereit,
die Stadt-Autorität zu ehren,
um so ihr Anseh'n zu vermehren.

* * *

Bewährt zudem in diesem Land
war Macht allein in einer Hand.
Schloss Bücklingen in unsren Zeiten
erhält sich solche Eigenheiten.

Zwar gibt es hier auch eine Wahl
nach alt bekanntem Ritual.
Doch mag man nicht die Zwistigkeiten,
um jedem Ratssitz sich zu streiten,

zumal nun schon seit Jahr und Tag
nichts ändert sich am Endbetrag
der Sitze beider Ratsparteien
mit gleicher Zahl aus ihren Reihen.

Man lässt's dabei und wählt alsdann
stattdessen sich den "Züngelmann".
Er hat Gewicht in jeder Frage
und spielt das Zünglein an der Waage.

Wie's ihm beliebt, so stimmt er ab.
Das Endergebnis bleibt recht knapp.
Gleich wie er sich dabei entschieden,
der Stadt gibt's so den inn'ren Frieden.

Gleichwohl, das Amt erzeugt auch Neid
bei jenem, der aus Eitelkeit
gern selbst die Macht in Händen hätte
und führen möcht' an jener Stätte.

Dies äußert er meist nur geheim
und legt im Flüsterton den Keim.
Zum Schmieden solcher Umsturzränke
sind recht beliebt die Rathausbänke.

* * *

Vor kurzem gab es derart Fall
am Ende mit Zusammenprall,
bei dem auch mancher sich erregte,
der sonst den Mund zu halten pflegte.

Sie feierten ganz musterhaft
ne Auslandsstädte-Partnerschaft
wobei man zum Empfang gebeten,
und alle waren angetreten:

Da kam zunächst das Ratsgespann
nebst Hauptperson, dem Züngelmann,
in diesem Jahr Jörg Backenschreier;
er trug nen dunklen Doppelreiher.

Heinz Brummelbach als Widerpart,
fiel auf mit seinem Zwirbelbart.
Britt Blökeldeck, voll Selbstvertrauen,
vertrat die Position der Frauen.

Dies zeigt uns auf den engren Kern,
dazu die Gäste von extern.
Geladen hatte Traugott Brüller,
der Bürgermeister, früher Müller.

Wie üblich für ein solches Fest,
begann's mit Reden vom Podest.
Speziell ein herzliches "Willkommen"
wurd' dutzendfach im Raum vernommen.

Auch das Begrüßungs-Ritual
bewegte jeden Leib im Saal.
Voll Schwung sah man die Häupter sinken
und stolz den Schmuck und Orden blinken.

Vernehmen ließ sich oft ein Toast,
dann Gläserklang mit einem "Prost",
dazu Champagnerkelche kreisten,
die Gäste Canapees verspeisten.

Die Stimmung stieg mit jedem Glas.
Gar mancher trank reich über's Maß,
wobei sich dessen Zunge löste
und so das Ego bar entblößte.

* * *

Besonders einer wurde schwach,
in unsrem Fall Heinz Brummelbach;
denn hier gab's nicht die erste Feier
voll Neid auf Züngel-Backenschreier.

Der schaute diesen fragend an,
verbeugte sich und sprach sodann:
"Du Heinz, ich muss dich mal beehren.
Mir scheint, da gibt es was zu klären.

Zu andren sagst du, ich sei schlecht
in meinem Amt und ungerecht.
Kannst du mir dieses mal begründen.
Ich möchte keinen Streit entzünden."

Heinz Brummelbach mit Zechgesicht:
"Mit miesen Pissern red' ich nicht!"
Da solches kaum man überhörte,
den Backenschreier es empörte.

Sein Mondgesicht, es wurde rot,
und er, ansonsten recht kommod,
ließ sich von Brummelbach verleiten,
ganz laut mit ihm im Saal zu streiten.

"Das nehmen Sie sofort zurück!
Es ist ja wohl ein starkes Stück!"
So siezte Backenschreier diesen
und musste dabei plötzlich niesen.

Da er vom Beugen noch in Schwung,
erfuhr sein Wanst Erschütterung
und, ausgelöst vom inn'ren Zorne,
bewegte der sich weit nach vorne.

Das Resultat, es klingt recht schlicht,
verlor er doch das Gleichgewicht!
Bevor sein Leib geriet ins Fallen,
kam's heftig zum Zusammenprallen

mit Ratsherrin Britt Blökeldeck,
wie sie herantrat voller Schreck,
wo seine ausgestreckten Glieder
vergruben sich in ihrem Mieder.

Ihr Rückgrat prallte vor ne Wand,
doch er, im Normfall stets galant,
verhakte sich gleich einer Falle
in ihrer gold'nen Gürtelschnalle.

Das zog sie runter auf's Parkett.
Er fiel auf sie gleich einem Brett.
Britt Blökeldeck begann zu schreien,
versuchte, rasch sich zu befreien.

Indes, sein Körper war zu schwer,
lag eh'r zentral als peripher,
verhinderte, sich umzudrehen,
geschweige denn, schnell aufzustehen.

Er ruderte mit voller Kraft
auf seiner weichen Liegenschaft.
Ganz wie in einem Gummireifen,
versuchte er, nach Halt zu greifen.

Die Arme fuhren hin und her,
doch wo er fasste, griff er leer.
Da, ihr Parfüm, es sei gepriesen,
es reizte wieder ihn zu niesen.

Die Brust, sie wölbte sich zum Ball,
und dieser drehte sich mit Drall
und rollte so wie alle Glieder
am Ende auf's Parkett hernieder.

* * *

Betreten durch solch Prall-Eklat
stand gleich die Festgesellschaft da.
Heinz Brummelbach - gleich wie ein Geier -
"Seht her, so macht's der Backenschreier!

Er ist vom Saufen völlig breit!
und suchte wieder einmal Streit.
Dabei hat er die Britt gerempelt!"
So wurde dieser abgestempelt.

Die Ratsfrau, noch leicht angeknockt,
das Haar zerzaust, zuvor gelockt,
erhob sich mühsam, kam zum Stehen:
"Ich habe es genau gesehen!

Auf Brummelbach, da ging er los.
Dabei bekam auch ich nen Stoß.
Die Bluse ging sofort in Fetzen.
Die Absicht war, mich zu verletzen!"

"Der Jörg hat frech sich ausgedrückt
und Heinz beschimpft: <Du bist verrückt!>
Er wurde dabei immer dreister!"
So hat's gehört der Bürgermeister.

Jörg Backenschreier - unter Schock:
"Nicht ich bin hier der Sündenbock!
Mit Brummelbach wollt' ich was klären
und sprach ihn an in allen Ehren.

Doch er beleidigte mich nur
auf eine ziemlich miese Tour.
Das sollte wohl den Frust ertränken
und mich in meiner Würde kränken.

Denn höflich, wie ich immer bin,
verbeugte ich mich zu ihm hin,
kam dabei aus dem Gleichgewichte.
So ist in Wahrheit die Geschichte!"

Mit diesem Wort stand er allein.
Die meisten fanden's hundsgemein,
dass Jörg sich überhaupt empörte,
wo er's doch war, der hier so störte.

Der Bürgermeister sprach zur Tat:
"Da hilft nur ein Beschluss vom Rat!
Denn der ist die legale Bühne,
um festzulegen eine Sühne!"

* * *

So wurde es dann auch getan.
Bald tagte dieses Stadt-Organ.
Zur Klärung aller stritt'gen Fragen
verteilte man zwei Tischvorlagen.

Von Brummelbach der Antrag A
beschwor die seine Sicht als wahr
und nannte manche Paragrafen,
um Backenschreier abzustrafen.

Von dem war Antrag B verfasst,
zum ersten deutlich im Kontrast,
erklärte A er doch zur Lüge
und forderte dafür ne Rüge.

"Für Antrag A erhebt die Hand!"
sprach Brüller, der zum Zählen stand.
Es zeigte auf nur knapp die Hälfte;
zur Mehrheit fehlte grad' die Elfte.

"Nun meldet euch für Antrag B!"
Die gleiche Zahl ging in die Höh'.
Nur unser Züngelmann noch fehlte.
Man sah, wie ihn die Wahl arg quälte.

Und alle starrten jetzt auf ihn.
Für A? Für B? Was würd' er zieh'n?
Die Spannung stieg, es wurd' ganz stille.
Er schaute ernst durch seine Brille.

Der Schweiß, er perlte auf der Stirn;
dahinter plagte sich das Hirn.
Die Nase schien ihm jetzt zu jucken,
der Atem schwer, er musste schlucken.

Da wurde seine Stimme klar:
"Gar manches spricht für Antrag A.
Vergleich jedoch ich alle beide,
für Antrag B ich mich entscheide!"

Es brauste Beifall auf im Saal,
ein Ende hatte alle Qual.
Durch Machtwort war der Fall entschieden
und gab der Stadt den inn'ren Frieden.

In Demut sah man Brummelbach,
wie er laut klagte weh und ach,
vorm Souverän sich tief verbeugte
und dessen Herrschaft so bezeugte.

Ja, Bücklingen weist uns den Weg,
wie wohl bedacht ein Privileg
und edle Etikette-Normen
allein den wahren Menschen formen.

 
 
 
     
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