Leseprobe - Gerhard Seyfried
 
   
 
   

Gerhard Seyfried

Beitrag 2007 1. Preis

  Lektorat
 

Ein Autor schiebt mit frohem Sinn

Dem Lektor sein Geschreibsel hin.

Es geht darin um die Moral

In einem Alpenseitental.

 

Zwei Bürgermeister-Kandidaten

Sind dort in einen Streit geraten.

Der eine arm, der andre reich,

Ansonsten sind sie eher gleich.

 

Der eine ist der Schuldirektor,

Ein guter Mann in seinem Sektor.

Gemüsehändler ist der zweite,

Zwar brav, jedoch so gut wie pleite.

 

Kein schlechter Plot, freut sich der Lektor,

Erinnert mich an Zeus und Hektor!

Nur fehlt der Held in der Geschichte,

Und eine hübsche junge Nichte.

 

In dem Kapitel mit den Gurken

Vermisse ich den bösen Schurken,

Der des Gemüsehändlers Weib

Verführt, und seis zum Zeitvertreib!

 

Ich glaube, wirft der Autor ein,

Dergleichen wird nicht nötig sein.

Ein Lustmolch oder Bösewicht

Paßt zu des Händlers Gattin nicht.

 

Tja, sagt der Lektor, das ist schade,

Denn so bleibt die Geschichte fade.

Doch halt - er runzelt seine Stirne:

Wie wärs mit einer feilen Dirne?

 

Könnte nicht ein solches Luder

Des Schuldirektors armen Bruder

In unsagbares Elend stürzen

Und solcherart die Story würzen?

 

Nein, ruft der Autor, denn der hat ja

Schon seine heißgeliebte Nadja!

Niemals würd er sie verraten

Für einen solchen Satansbraten!

 

Na gut, seufzt resigniert der Lektor,

Dann bleibt als Schurke nur der Rektor:

Der Mann erliegt mit allen Sinnen

Den Reizen seiner Schülerinnen!

 

Nein, nein, der Autor widerspricht:

Das Pädophile liegt mir nicht.

Der Rektor ist ein braver Mann

Der Schlechtes nicht mal denken kann!

 

Ach ja? Und was ist mit der Tochter?

Sie schreiben hier, die unterjocht er!

Dem Autor wird die Stimme schrill:

Doch nur, weil er ihr Bestes will!

 

Jetzt kriegt der Lektor Oberwasser:

Der Rektor ist ein Weiberhasser!

Sein Weib ist zänkisch und gemein,

Und Zwietracht herrscht im trauten Heim!

 

Mag sein, es ist bei Ihnen so,

Entgegnet der Autorio,

Ich bin kein Groschenromancier,

Mir liegt das saubere Metier.

 

Des Lektors Stirne färbt sich bläulich:

Ein Moralist! Gott, wie abscheulich!

Ihr Text ist graue Langeweile

Und ihre Welt zum Kotzen heile!

 

Und Sie? Ein Lektor wolln Sie sein,

Fängt der Autor an zu schrein,

Ich sage Ihnen, was Sie sind:

Ein blödes Lektoraten-Rind!

 

Er geht dem Lektor an den Kragen

Der tritt ihn dafür in den Magen,

Und schon sind beide, eins, zwei, drei

In der schönsten Keilerei.

 

Sie prügeln sich, der Tisch, der kippt.

Der Wind entdeckt das Manuskript,

Und bläst es mit Besessenheit

Hinweg in die Vergessenheit.

 


 
 
 
     
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